Liebe Gäste,
Familien und Freunde,
auch ich möchte euch heute hier im höchstgelegenen Dorf Belgiens willkommen heißen.
Dass ihr zum Start des langen Wochenendes den Weg nach Mürringen gefunden habt, um einige Stunden zusammen zu verbringen, freut mich sehr.
Und man sieht: Wir werden für dieses Engagement heute sogar mit dem besten Wetter belohnt!
Wir feiern heute im Saal Jaspesch.
Dieser Ort ist nicht einfach nur ein Gebäude; er ist ein Symbol.
Wenn wir uns hier umschauen, sehen wir, was möglich ist, wenn Menschen nicht darauf warten, dass andere für sie entscheiden, sondern wenn sie selbst anpacken.
60 % Förderung durch die DG, 40 % durch die Gemeinde Büllingen – das sind die Zahlen.
Aber die Seele dieses Saals, das sind die unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden und die Spenden der Menschen hier vor Ort.
Die Menschen, die uns heute übrigens auch bewirten.
Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Dorfgemeinschaft funktioniert:
Hand in Hand.
Genau deshalb ist dieser Saal der perfekte Ort für unser Familienfest.
Denn das, was hier beim Bau geleistet wurde, ist im Kleinen genau das, was wir im Großen brauchen.
Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit, der Solidarität und des Zusammenhalts.
Aber was bedeuten diese Worte heute noch, in einer Welt, die sich oft anfühlt, als würde sie aus den Fugen geraten?
Ich hab das vergangene Wochenende in Lissabon verbracht und konnte so an der Parade zum Jahrestag der Nelkenrevolution teilnehmen.
Am 25. April 1974 befreite sich das portugiesische Volk endlich nach jahrzehntelanger Qual von der Diktatur.
Seit nun 52 Jahren wird der Tag ganz groß mit Musik, Paukenschlägen und roten Nelken an allen Ecken in Lissabon gefeiert.
Die Menschenmenge, die die Avenida da Liberdade hinunterging, war überwältigend.
Die Presse berichtete im Anschluss von mehreren zehntausenden Menschen – und ich mittendrin.
Unter wolkenfreiem Himmel, bei 24 Grad, riefen alle mit der Faust erhoben: “Der 25. April für immer, Faschismus nie wieder.”
Es war richtig schön, jung und alt standen zusammen und gingen für dieselbe Sache auf die Straße.
Ein Bild, aber vor allem auch ein Gefühl, das ich mit Sicherheit niemals vergessen werde.
In dem Moment war ich davon überzeugt, dass Solidarität und Zusammenhalt überwiegen.
Es sind die Grundpfeiler, die alles ausmachen und ohne die es nicht geht.
Abends im Hotel nahm ich mein Handy in die Hand und recherchierte.
Denn dass vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein Sozialist als Präsident Portugals gewählt wurde, wusste ich, aber wie der Staat eigentlich aufgebaut ist, hätte ich nicht im Detail sagen können.
Und die Menschen schienen so unendlich zufrieden an diesem Tag der Freiheit.
So froh und glücklich, aber vor allen Dingen stolz auf ihre Geschichte.
Es sah so aus, als wären sie sich alle einig über das Ziel:
Nie wieder Faschismus oder eine Diktatur!
Tja. Die Realität sieht ein bisschen anders aus.
Denn auch wenn Portugal an meinem diesjährigen Geburtstag, am 9. März, einen sozialistischen Präsidenten gewählt hat, ist die parlamentarische Lage kompliziert. (Die Regierung besteht aus einem Mitte Recht-Bündnis und ist bei jedem Gesetz auf wechselnde Mehrheiten oder die Enthaltung der Sozialisten angewiesen.)
Portugal ist politisch polarisiert.
Die größte Dynamik geht nämlich von den Rechtspopulisten aus, denn auch dort waren sie die großen Gewinner der letzten Jahre.
Das kam mir vor wie ein Paradoxon.
Zehntausende feiern am Samstag die Befreiung vom Faschismus, während die rechtspopulistische Partei Rekordgewinne einfährt.
Wie passt das zusammen?
Ich sag es euch.
Genauso, wie es hier ist.
Und in Deutschland.
Und in Italien.
Und anderswo, wo gerade der Rechtsruck zunimmt.
Nicht jeder Wähler ist ein überzeugter Anhänger einer Diktatur.
Viele sind Protestwähler.
Sie feiern die Freiheit, wählen aber rechts.
Und warum ist das so?
Warum haben diese radikalen Stimmen Erfolg?
Weil die Menschen Angst haben.
Weil Freiheit allein nicht satt macht, wenn die Miete unbezahlbar wird und am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig ist.
Lange galt Portugal als immun gegen Rechtspopulismus, weil die Erinnerung an die Diktatur so abschreckend war.
50 Jahre später verblasst diese direkte Erinnerung bei der jüngeren Generation.
Für sie ist die Freiheit von 1974 selbstverständlich, aber die Miete im Jahr 2026 unbezahlbar.
Und auch wir kommen hier in Belgien mehr und mehr an diesen Punkt.
Wohnraum wird knapp und unbezahlbar für die Menschen.
Kosten steigen, aber die Kaufkraft sinkt.
Und genau hier liegt die Gefahr.
Wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl verliert, dass Fleiß und Arbeit noch für ein würdevolles Leben reichen, dann bröckelt das Fundament unserer Demokratie.
Demokratie ist kein Selbstläufer.
Sie ist zerbrechlich.
Wenn die Kaufkraft sinkt und Wohnraum zum Luxusgut wird, verlieren die Menschen das Vertrauen in das System.
Das ist der Nährboden für den Rechtsruck – in Portugal wie in Belgien und Ostbelgien.
Demokratie stirbt nicht nur durch Kreuze an der falschen Stelle, sondern durch die Angst, sich das Leben nicht mehr leisten zu können.
Wer sich Sorgen um die Miete macht, hat keine Kraft mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Aber wir dürfen nicht zulassen, dass aus dieser berechtigten Sorge blinde Wut wird.
Und wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen die Oberhand gewinnen, die Ängste schüren, statt Lösungen zu bauen.
Solidarität ist kein Luxusgut für Schönwetter-Tage.
Sie ist die Antwort auf die Frage: “Wie verhindern wir, dass unsere Gesellschaft auseinanderbricht?”
Den [SS2] Zusammenhalt stärken können wir nur gemeinsam.
Wenn wir das als Gesellschaft tun, stärken wir dadurch automatisch die Solidarität.
Für gemeinsame Ziele kämpfen:
Für einen bezahl- und lebbaren Wohnungsmarkt und für eine Kaufkraft, die das Leben nicht zum täglichen Überlebenskampf macht.
Ich bin davon überzeugt, dass wir das gemeinsam schaffen können.
Und dass ihr heute hier seid, obwohl es der Anfang vom langen Wochenende ist und die Sonne scheint, zeigt mir das einmal mehr.
Es zeigt mir, dass euch unsere Gemeinschaft und unsere gemeinsamen Werte wichtig sind.
Danke für eure Verlässlichkeit und für eure Zeit.
Lasst uns diesen 1. Mai gemeinsam feiern bei toller Bewirtung und dem bestem Cordon-Bleu-Burger in ganz Ostbelgien – als Zeichen dafür, dass wir zusammenstehen, egal wie unruhig die Zeiten auch sind.
Ich wünsche euch einen schönen 1. Mai!

