Mündliche Frage von Herrn Charles Servaty an Minister Franssen
Zum Einfluss möglicher Veränderungen beim Fachkräftemangel auf die Beschäftigungspolitik der DG
Regierungskontrollsitzung des Ausschusses III vom 07.05.2026
In der Vergangenheit ist der Fachkräftemangel immer wieder als eine der größten Herausforderungen für die Beschäftigungspolitik in der DG bezeichnet worden. In Ihrer Antwort auf meine diesbezüglich am 19. und 26. Januar gestellten schriftlichen Fragen sind die zuständigen Regierungsmitglieder näher auf die einzelnen Aspekte dieser Problematik eingegangen. Die Fachkräfteproblematik kommt ebenfalls unter dem Titel „Fachkräfte für Ostbelgien gewinnen, binden, vernetzen“ als wichtiges Thema im kürzlich endlich dem Parlament unterbreiteten Projektportfolio Ostbelgien 2030 zur Umsetzung des in der vergangenen Legislaturperiode ausgearbeiteten Regionalen Entwicklungskonzeptes Ostbelgien 2040 vor.
So weit, so gut. In seiner Ausgabe vom 17. April berichtet das Grenz-Echo über die aktuelle Konjunkturumfrage von AVED-IHK Ostbelgien. Diese zeichne ein düsteres Bild und weise den schlechtesten Zufriedenheitswert seit 1994 auf. Aus einer konjunkturellen Schwächephase habe sich eine strukturelle Dauerkrise entwickelt. Zwar bestehe trotz schwachen Wachstums weiterhin ein Fachkräftemangel, der noch durch den demografischen Wandel verschärft werde, aber – und das ist das meines Erachtens entscheidende Zitat aus dem Munde des scheidenden Geschäftsführers Volker Klinges – „der lange und häufig beklagte Fachkräftemangel sei folglich nicht mehr die eine zentrale Herausforderung.“
Diese Aussage sollte uns alle aufhorchen lassen. Sie könnte übrigens auch noch von aktuellen Studien über die Auswirkung der KI auf die Beschäftigungslage untermauert werden. Wir müssen aufpassen, dass unsere Strategien und Initiativen in Sachen Fachkräftemangel nicht obsolet und von neuen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt überrollt werden. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass sie möglichst zielgenaue Wirkungen zeigen und auf die aktuelle Lage des ostbelgischen Arbeitsmarktes und dessen mögliche Entwicklung eingehen.
Dazu meine Fragen:
- Teilt die Regierung die Einschätzung von Herrn Klinges zur veränderten Bedeutung des Fachkräftemangels?
- Wie will die Regierung verhindern, dass gutgemeinte, aber unangepasste Initiativen zur Bekämpfung des Fachkräftemangels ungewollt zu zusätzlicher Arbeitslosigkeit führen?
- Welchen Beitrag kann die DG im Rahmen ihrer beschäftigungspolitischen Zuständigkeit dazu leisten, dass Ostbelgien aus der von IVED-IHK diagnostizierten strukturellen Dauerkrise herauskommt?
Antwort des Ministers:
Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
Sehr geehrter Herr Servaty,
Werte Kolleginnen und Kollegen,
in dem von Ihnen zitierten Interview des Geschäftsführers der AVED-IHK Ostbelgien wird darauf hingewiesen, dass der lange Zeit zentrale und häufig beklagte Fachkräftemangel inzwischen nicht mehr die EINE zentrale Hauptherausforderung für die ostbelgische Wirtschaft darstellt. Laut dem Geschäftsführer erhalten Unternehmen bei offenen Stellen wieder mehr und teilweise auch qualifizierte Bewerbungen, was sicherlich eine positive Entwicklung ist. Gleichzeitig betont er jedoch, dass aktuell vor allem die hohen und weiter steigenden Ar-beitskosten als größte Herausforderung wahrgenommen werden. Der Fachkräftemangel folgt erst an zweiter Stelle, während stark schwankende Rohstoff- und Energiepreise als dritter wesentlicher Belastungsfaktor genannt werden.
Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass die wirtschaftliche Entwicklung heute von mehreren gleichzeitig wirkenden Faktoren gebremst wird. Der Fachkräftemangel ist wichtig, aber er steht inzwischen neben anderen teils noch stärkeren Hemmnissen. Aktuell dürfte einer der stärksten Bremsfaktoren die geopolitische Unsicherheit und die damit verbundenen Konflikte sein. Unterbrochene Lieferketten und steigende Energie- und Rohstoffpreise sind die Folgen dieser Entwicklung. Inflation, Unsicherheit und hohe Zinsen bewirken, dass Investitionen und Konsum zurückgehen. Diese Unsicherheiten wirken sich demnach sowohl auf die Unter-nehmen wie auch auf die Verbraucher aus. Aber auch hohe Lohnkosten oder strenge Arbeits- und Umweltauflagen können Investitionen verteuern. Nicht zuletzt können auch Bürokratie, komplexe Genehmigungsverfahren sowie der Rückstand bei der Digitalisierung bedeutende Hemmnisse der wirtschaftlichen Entwicklung darstellen.
Es gibt also eine Vielzahl von Faktoren, die die wirtschaftliche Entwicklung ausbremsen und gleichzeitig auf diese Entwicklung einwirken.
Der Fachkräftemangel ist einer dieser Faktoren, der allerdings LANGFRISTIG eine der größten Wachstumsbremsen darstellt. Die demografische Entwicklung und die sich daraus ergebende ungünstige Ersatzquote werden den Arbeitsmarkt noch für lange Zeit prägen.
Bei allen berechtigten Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung sollte allerdings auch nicht übersehen werden, dass laut Arbeitskräfteerhebung die Beschäftigungsquote in der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Jahr 2025 bei den 20-64-jährigen einen Wert von 77,9% erreicht (2% mehr als im Vorjahr) und damit im belgischen Vergleich an der Spitze steht.
Kein Grund zum Ausruhen, aber auch kein Grund, um in Pessimismus zu verfallen.
Es ist vielmehr ein Grund, um unsere derzeitige Politik fortzusetzen, die ebenfalls darin besteht, die Entwicklungen in unserem Umfeld zu analysieren und dabei unsere Politik auch immer anpassungsfähig zu halten.
Das gilt insbesondere für den technologischen Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Zwar liegen für Ostbelgien keine spezifischen Untersuchungen vor, doch verweist die Studie des renommierten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2025 zum deutschen Arbeitsmarkt darauf, dass die Gesamtbeschäftigung im KI-Szenario nach 15 Jahren voraussichtlich auf einem ähnlichen Niveau bleibt. Dennoch kommt es zu spürbaren Verschiebungen zwischen Branchen: Rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze sind langfristig allein in Deutschland vom strukturellen Wandel betroffen. Positive Effekte durch neue Geschäftsmodelle, Rechenzentren und günstige Importpreise gleichen Arbeitsplatzverluste infolge höherer Produktivität und Effizienz weitgehend aus, sagt das Forschungsergebnis.
Insgesamt dürfte die Anzahl der Arbeitsstellen also in diesem besagten Zeitraum ähnlich hoch bleiben, jedoch werden sehr viele Arbeitsstellen verschwinden und durch neue ersetzt werden. Es wird also in sehr hohem Maße auf Aus- und Weiterbildungen sowie allgemeine Transformationsfähigkeit ankommen. Das gilt nicht nur für die Politik. Das gilt für die gesamte Gesellschaft.
Aus genau diesem Grund sind Reformen im Bereich der Aus- und Weiterbildung und der Bildung insgesamt von größter Bedeutung und aus diesem Grund treiben wir unsere Reformen proaktiv voran.
Was nun die konkreten arbeitsmarktpolitische Maßnahmen betrifft, so ist aus der Arbeitsmarktökonomie bekannt, dass Förderinstrumente nie völlig frei von Nebeneffekten sind – etwa Mitnahmeeffekte („man hätte auch ohne Förderung die Person eingestellt“), Verdrängungseffekte (geförderte Personen ersetzen ungeförderte) oder die Lock-in-Effekte (längerer Verbleib in Maßnahmen). Entscheidend ist daher, dass Maßnahmen zielgenau, marktnah ausgestaltet und regelmäßig evaluiert werden. Genau diesen Prinzipien folgt die Regierung und wird dazu ab diesem Herbst auch die Arbeit an der Reform „Maßnahmen aus einer Hand“ beginnen, auch wenn man sich bewusst sein muss, dass solche Effekte nie vollständig auszuschließen sind.
Im Rahmen ihrer Zuständigkeiten tut die Deutschsprachige Gemeinschaft schließlich ein Maximum, um die wirtschaftliche Entwicklung positiv zu beeinflussen. Wir werden den Dialog mit den Sozialpartnern fortsetzen und unsere Fachkräftestrategie weiterentwickeln. Die zahlreichen Initiativen dieser Legislaturperiode zur Qualifizierung, zur besseren Zusammenarbeit aller Akteure und zur Verbesserung des individuellen Matchings stimmen mich positiv, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um langfristig eine Beschäftigungsquote von 80 Prozent zu erreichen und so einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung Ostbelgiens zu leisten.

