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Rede von Patrick Spies anlässlich des Tages der deutschen Sprache

Sehr geehrter Herr Botschafter,
Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Frau Präsidentin,
sehr geehrte Herren Ministerpräsidenten,
werte Kolleginnen und Kollegen aus Regierung und Parlament,

ich freue mich, heute die Gelegenheit zu haben, die deutsche Sprache in den Mittelpunkt zu stellen.

Wobei ich zugeben muss: Wenn ich mir anschaue, wer heute alles zu diesem Thema spricht, besteht durchaus die Gefahr, dass wir am Ende sechsmal dieselbe Rede gehalten haben – nur mit unterschiedlichen Stimmen.

Deshalb möchte ich heute einen etwas anderen Blick auf unsere Sprache werfen.

Man sagt ja nicht umsonst: “Deutsche Sprache, schwere Sprache.”

Wir haben drei grammatische Geschlechter, vier Fälle und zusammengesetzte Wörter, bei denen man schon beim Lesen eine kleine Verschnaufpause braucht.

Nehmen wir zum Beispiel den „Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän“. Ein Wort, bei dem man fast vergessen hat, wie es angefangen hat, wenn man endlich am Ende angekommen ist.

Aber vielleicht ist die deutsche Sprache gar nicht so schwer. Vielleicht ist sie vor allem unglaublich vielfältig.

Denn Deutsch klingt längst nicht überall gleich. In Hamburg sagt man „Moin“, in Luxemburg „Moien“, in Bayern „Grüß Gott“, in Österreich „Servus“ und in der deutschsprachigen Schweiz „Grüezi“.

Und bei uns in der belgischen Eifel? Da heißt es ganz einfach: „Tach zesaame!“

Wenn wir im Rheinland ankommen, dann heißt es natürlich „Alaaf und Helau“!

Lieber Herr Botschafter, Sie sind ja in Burscheid, unweit von Köln, geboren. Deshalb wage ich mich jetzt auch an eine kölsche Lebensweisheit: „Et kütt wie et kütt“ – und „Et hätt noch immer jot jejange“.

Ich hoffe, meine Aussprache hält einer diplomatischen Prüfung stand!

Aber genau das ist doch das Schöne an unserer Sprache: Sie hat viele Stimmen, viele Farben und viele Eigenheiten.

Und Sprache verbindet uns manchmal auch dann, wenn wir gar nicht jedes Wort verstehen. Ich bin mir sicher, dass der eine oder andere hier im Plenaraal schon einmal zu Nenas „99 Luftballons“ getanzt hat, ohne sich allzu viele Gedanken darüber zu machen, was im Text eigentlich genau gemeint ist.

Sprache gehört eben auch zu unseren geselligen Momenten. Sie steckt in Liedern, in Witzen, in Gesprächen mit Freunden und in den kleinen Redewendungen, die wir manchmal ganz selbstverständlich verwenden.

Das erleben wir auch bei uns in Ostbelgien. Von Burg-Reuland bis Kelmis haben unsere Mundarten ihren ganz eigenen Klang. Das Plattdeutsch, das man im Süden unserer Gemeinschaft hört, unterscheidet sich mitunter deutlich von dem im Norden.

Ich bin selbst mit Hochdeutsch und Plattdeutsch aufgewachsen. Für mich ist Platt nicht einfach eine abgewandelte Form des Deutschen. Es ist ein Stück Heimat, ein Stück Familie und ein Stück Identität. (Diesen Teil spreche ich auf Plattdeutsch)

Und gerade deshalb sollten wir unsere Mundarten nicht belächeln oder als weniger wertvoll betrachten. Denn wenn eine Mundart verschwindet, verlieren wir nicht einfach ein paar Wörter. Wir verlieren auch Geschichten, Erinnerungen und ein Stück unserer Kultur.

Dass Sprache und Kultur für unsere Gemeinschaft eine besondere Bedeutung haben, zeigt auch unsere Geschichte. Als 1973 der Rat der deutschen Kulturgemeinschaft seine Arbeit aufnahm, stand die kulturelle Autonomie im Mittelpunkt. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt unsere heutige Deutschsprachige Gemeinschaft.

Sprache und Kultur waren also kein Nebenschauplatz unserer Geschichte. Sie waren ein Ausgangspunkt für unsere politische Eigenständigkeit.

Heute reicht die Bedeutung unserer Sprache natürlich weit darüber hinaus. Sie spielt eine Rolle in unseren Schulen, in unseren kulturellen Einrichtungen und in unseren Institutionen. Sie spielt aber auch eine ganz praktische Rolle: wenn ein Kind in seiner Muttersprache lernen kann oder wenn ein älterer Mensch im Gesundheitswesen verstanden wird.

Sprache ist nicht nur ein Recht auf dem Papier. Sie ist auch die Möglichkeit, verstanden zu werden.

Und damit komme ich zu einem Punkt, der mir besonders wichtig ist.

Deutsch ist eine der drei offiziellen Landessprachen Belgiens. Rechtlich gehört sie genauso zu unserem Land wie Französisch und Niederländisch. Aber wir wissen alle, dass rechtliche Gleichstellung und gelebte Gleichstellung nicht automatisch dasselbe sind.

Deshalb ist es wichtig, dass wir die deutsche Sprache nicht nur an einem besonderen Tag feiern. Sie muss auch im Alltag sichtbar und hörbar sein – in unseren Institutionen, in unseren Begegnungen und in unseren Entscheidungen.

Wir sind deutschsprachige Belgier. Unsere Sprache und unsere Kultur sind ein selbstverständlicher Teil dieses Landes. Gleichzeitig verbindet uns die deutsche Sprache mit unseren Nachbarn und Freunden in Luxemburg, Deutschland, Österreich der Schweiz und Südtirol. Sie eröffnet uns Zugänge zu anderen Kulturen und ermöglicht Austausch über Grenzen hinweg.

Ich selbst habe übrigens erst durch das Sprechen vor anderen richtig Freude am Reden und am Diskutieren gefunden. Während meiner Schulzeit durfte ich an der Rhetorika teilnehmen, dem Rednerwettstreit in Ostbelgien.

Herr Ministerpräsident, Sie kennen die Rhetorika ja ebenfalls nur zu gut – schließlich haben Sie dort schon mehrfach als Juror mitgewirkt.

Ihr Motto lautet: „Rede, damit ich dich sehe.“ Ein Satz, der Sokrates zugeschrieben wird.

Ich finde, darin steckt viel Wahrheit. Wenn wir miteinander sprechen, geben wir einander die Möglichkeit, unsere Gedanken, unsere Überzeugungen und unsere Persönlichkeit kennenzulernen.

Sprache hilft uns, Gedanken zu ordnen, Ideen zu entwickeln und unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen. Sie ist damit nicht nur ein Mittel zur Verständigung, sondern auch eine Grundlage für unser Zusammenleben.

Lassen Sie uns deshalb die deutsche Sprache nicht nur schützen, sondern auch leben: im Hochdeutschen und im Plattdeutschen, in unseren Schulen und Parlamenten, in unseren Familien und unseren Dörfern.

Und lassen Sie uns dafür sorgen, dass auch die nächste Generation noch weiß, wie schön es ist, in der eigenen Sprache zu Hause zu sein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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